{"title":"Kunst – statistisch gesehen","pageLanguages":[{"uri":"kunst-newsletters/kunst-statistisch-gesehen","code":"de"},{"uri":"kunst-newsletters/kunst-statistisch-gesehen","code":"en"}],"metaTitle":"Kunst – statistisch gesehen – Helmhaus","kunstsubtitle":"","edition":"Kunst-Newsletter 1/25","text":"","slideshow":[{"type":"image","url":"https://helmhaus.org/media/pages/kunst-newsletters/kunst-statistisch-gesehen/fb4774effa-1738942772/helmhaus_2025_01_zte4262-2000x.jpg","thumb":"https://helmhaus.org/media/pages/kunst-newsletters/kunst-statistisch-gesehen/fb4774effa-1738942772/helmhaus_2025_01_zte4262-600x.jpg","name":"helmhaus_2025_01_zte4262","size":"4,64 MB","ext":"jpg","caption":"Das Zürcher Künstler*innen-Kollektiv KUNST BRAUCHT KOHLE (bestehend aus Jana Vanecek und Chantal Romani) hat im Helmhaus einen Tisch in Form eines Kreisdiagramms platziert. (Foto: Zoe Tempest) ","alt":"Das Zürcher Künstler*innen-Kollektiv KUNST BRAUCHT KOHLE (bestehend aus Jana Vanecek und Chantal Romani) hat im Helmhaus einen Tisch in Form eines Kreisdiagramms platziert. (Foto: Zoe Tempest) ","orien":"landscape"}],"layouts":[{"width":1,"columns":[[{"type":"text","lan":"","content":"<p>Die Armut in einer Gesellschaft versteckt sich oft in Statistiken. Und dass es in der Schweiz Klassen gibt, lässt sich ebenfalls mit Kreisdiagrammen beweisen. Deshalb spielen Statistiken in der Helmhaus-Ausstellung «Wirtschaft mit Armut. Kunst ist Klasse!» eine so wichtige Rolle – in Kunstwerken und in der Ausstellungsgrafik.</p>"}]]},{"width":1,"columns":[[{"type":"text","lan":"","content":"<p>Haben Sie schon mal an einem Kuchendiagramm Platz genommen? Das Zürcher Künstler*innen-Kollektiv KUNST BRAUCHT KOHLE (bestehend aus Jana Vanecek und Chantal Romani) hat im Helmhaus einen Tisch in Form eines Kreisdiagramms platziert. Die runde Form wirkt vorerst wenig hierarchisch. Es ist nicht klar, wer bei einem Gespräch an diesem Tisch eine leitende Position einnimmt. Das auf den Tisch aufgemalte Diagramm allerdings spricht eine andere Sprache. Da gibt es ein riesiges hellgraues Kuchenstück, ein viel kleineres dunkelgraues, und ein Ministück in Rosa.</p><p>Dieses spezifische Diagramm ist fiktiv, basiert also nicht auf konkreten Zahlen. KUNST BRAUCHT KOHLE zitieren hier aber visuell ein in Statistiken zu Armut und Klasse oft beobachtetes Phänomen: Ein riesiges Kuchenstück ist reserviert für die Einen, für die Anderen bleibt nur noch wenig übrig. Auch wenn die Form des Tisches Chancengerechtigkeit verspricht, verbleibt die Bemalung in der gesellschaftlichen Klassenhierarchie. Bleibt die Frage, an welches Kuchenstück man sich selbst setzt. Hier hat man die Wahl – in der realen Gesellschaft wird man durch seine soziale Herkunft eingeteilt.</p>"}]]},{"width":1,"columns":[[{"type":"gallery","lan":"","content":[{"type":"image","url":"https://helmhaus.org/media/pages/kunst-newsletters/kunst-statistisch-gesehen/4801144f24-1738944580/helmhaus_2025_01_zte4259-2000x.jpg","thumb":"https://helmhaus.org/media/pages/kunst-newsletters/kunst-statistisch-gesehen/4801144f24-1738944580/helmhaus_2025_01_zte4259-600x.jpg","name":"helmhaus_2025_01_zte4259","size":"4,97 MB","ext":"jpg","caption":"Die Textilbanner des Künstler*innen-Kollektiv KUNST BRAUCHT KOHLE zeigen auf...","alt":"Die Textilbanner des Künstler*innen-Kollektiv KUNST BRAUCHT KOHLE zeigen auf...","orien":"landscape"},{"type":"image","url":"https://helmhaus.org/media/pages/kunst-newsletters/kunst-statistisch-gesehen/9a0d5a25e1-1738944598/helmhaus_2025_01_zte4257-2000x.jpg","thumb":"https://helmhaus.org/media/pages/kunst-newsletters/kunst-statistisch-gesehen/9a0d5a25e1-1738944598/helmhaus_2025_01_zte4257-600x.jpg","name":"helmhaus_2025_01_zte4257","size":"4,95 MB","ext":"jpg","caption":"...dass es auch in der wohlhabenden Schweiz eine Klassengesellschaft gibt. (Fotos: Zoe Tempest)","alt":"...dass es auch in der wohlhabenden Schweiz eine Klassengesellschaft gibt. (Fotos: Zoe Tempest)","orien":"landscape"}]}]]},{"width":1,"columns":[[{"type":"text","lan":"","content":"<h3>Klassengesellschaft ohne Klassen?</h3><p>Das fiktive Tischdiagramm wird ergänzt durch reale Statistiken auf Textilbannern, die ebenfalls Teil der künstlerisch-aktivistischen Installation von KUNST BRAUCHT KOHLE sind. Unter dem Titel «Bildung und soziale Ungleichheit im Vergleich» sind zum Beispiel verschiedene Kreisdiagramme zu sehen. Die Farben der Kuchenstücke verweisen auf unterschiedliche Bildungsstände in der Schweiz: auf Abgänger*innen der obligatorischen Schule; auf Menschen, die die Sekundarstufe II abgeschlossen haben; und drittens auf Bewohner*innen, die studiert haben («Tertiärstufe»). Schon die Begrifflichkeiten zeigen, dass Statistiken – wie Texte – auch gelesen und verstanden werden wollen. Auch deshalb laden Chantal Romani und Jana Vanecek während der Ausstellung zu drei Diskussionsabenden an den runden Tisch ein, um ausgehend von solchen Statistiken über die Schweizer Klassengesellschaft zu sprechen.</p><p>Die Schweizer Klassengesellschaft? Viele Besucher*innen der Ausstellung im Helmhaus glauben, dass eine solche gar nicht existiert. Das ist eine erste Erkenntnis aus den ersten Tagen von «Wirtschaft mit Armut. Kunst ist Klasse!»: Viele Menschen sind überrascht, dass es auch in der wohlhabenden Schweiz so etwas wie Klassen gibt. Auch hier können Statistiken Klarheit schaffen: Eine Reihe von Kreisdiagrammen auf dem Textilbanner von KUNST BRAUCHT KOHLE zeigt auf, welchen Einfluss der Bildungsstand der Eltern auf den Bildungsstand der Kinder hat. Da zeigt sich zum Beispiel, dass Nachkommen von Akademiker*innen kaum je nur die obligatorische Schule absolvieren, sondern zu einem Grossteil auch studieren. Während weniger als ein Viertel der Kinder von Menschen, die nur die obligatorische Schule abgeschlossen haben, ein Studium absolvieren. Bezüglich Bildung spielt also die soziale Herkunft eine grosse Rolle – entsprechend bleiben Schweizer*innen in der Folge tendenziell in der Klasse, in die sie hineingeboren wurden.</p>"}]]},{"width":1,"columns":[[{"type":"gallery","lan":"","content":[{"type":"image","url":"https://helmhaus.org/media/pages/kunst-newsletters/kunst-statistisch-gesehen/11c2d02e81-1738944468/sm_1080-x-1080-2000x.png","thumb":"https://helmhaus.org/media/pages/kunst-newsletters/kunst-statistisch-gesehen/11c2d02e81-1738944468/sm_1080-x-1080-600x.png","name":"sm_1080-x-1080","size":"47,57 KB","ext":"png","caption":"Die kraftvoll gestaltete Grafik zur Ausstellung «Wirtschaft mit Armut. Kunst ist Klasse!» von Vela Arbutina...","alt":"Die kraftvoll gestaltete Grafik zur Ausstellung «Wirtschaft mit Armut. Kunst ist Klasse!» von Vela Arbutina...","orien":"square"},{"type":"image","url":"https://helmhaus.org/media/pages/kunst-newsletters/kunst-statistisch-gesehen/d791497039-1738944422/sm_1080-x-10802-2000x.png","thumb":"https://helmhaus.org/media/pages/kunst-newsletters/kunst-statistisch-gesehen/d791497039-1738944422/sm_1080-x-10802-600x.png","name":"sm_1080-x-10802","size":"40,03 KB","ext":"png","caption":"...ist auf der einen Seite sachlich und informativ...","alt":"...ist auf der einen Seite sachlich und informativ...","orien":"square"},{"type":"image","url":"https://helmhaus.org/media/pages/kunst-newsletters/kunst-statistisch-gesehen/622cb7983d-1738944432/sm_1080-x-10803-2000x.png","thumb":"https://helmhaus.org/media/pages/kunst-newsletters/kunst-statistisch-gesehen/622cb7983d-1738944432/sm_1080-x-10803-600x.png","name":"sm_1080-x-10803","size":"31,59 KB","ext":"png","caption":"...auf der anderen Seite widerspiegelt sie aber auch die Überforderung und Isolation...","alt":"...auf der anderen Seite widerspiegelt sie aber auch die Überforderung und Isolation...","orien":"square"},{"type":"image","url":"https://helmhaus.org/media/pages/kunst-newsletters/kunst-statistisch-gesehen/bfe0ecfec9-1738944438/sm_1080-x-10804-2000x.png","thumb":"https://helmhaus.org/media/pages/kunst-newsletters/kunst-statistisch-gesehen/bfe0ecfec9-1738944438/sm_1080-x-10804-600x.png","name":"sm_1080-x-10804","size":"38,94 KB","ext":"png","caption":"...die Armut mit sich bringt.","alt":"...die Armut mit sich bringt.","orien":"square"}]},{"type":"text","lan":"","content":"<h3>Statistiken als visuelle Sprache</h3><p>Wie jede Ausstellung im Helmhaus wird auch «Wirtschaft mit Armut. Kunst ist Klasse!» von einer speziell dafür konzipierten Grafik begleitet – diesmal gestaltet von der Künstlerin und Grafikerin Vela Arbutina.</p><p>Auch sie nutzt die visuelle Sprache der Statistik, um die Mechanismen von Armut und Klassismus auf eine zugängliche, aber auch aufwühlende Weise darzustellen. Ihre Arbeit verknüpft emotionale Ansprache mit informativer Klarheit und verwendet dabei ein leuchtendes Orange – eine bewusste Anspielung auf das «Migros-Orange», das für den sozialen Urgedanken der Migros steht: bezahlbare Preise für alle. Dieser Farbton bildet den Hintergrund für Statistiken, die in verschiedenen Blautönen die sozialen Ungleichgewichte und die oft anonymisierte Armut visualisieren. Es ist eine kraftvolle Gestaltung, die auf der einen Seite sachlich und informativ ist, auf der anderen Seite aber auch die Überforderung und Isolation widerspiegelt, die Armut mit sich bringt.</p><p>Die Grafik fordert die Betrachtenden auf, sich mit den Fakten auseinanderzusetzen, aber auch zu reflektieren, wie diese Fakten das Leben von Betroffenen beeinflussen. Durch die Wahl von Balkendiagrammen und anonymen Formen wird die Entmenschlichung visualisiert, die mit sozialer Ausgrenzung und Armut oft einhergeht. Die Statistiken erscheinen nicht nur als abstrakte Daten, sondern auch als Symbole für das, was hinter ihnen steht: die reale, oft unsichtbare Erfahrung von Armut und Existenzängsten.</p><p>Gleichzeitig bleibt Arbutinas Grafik stets auf die Wissensvermittlung fokussiert. Sie bricht komplexe Informationen herunter und macht sie in einer Weise zugänglich, die sowohl ästhetisch ansprechend als auch emotional anregend ist. So entsteht eine Balance zwischen der Darstellung von trockenen Statistiken und der Einladung, sich auf die persönliche Dimension dieses Themas einzulassen. Die Grafik spricht eine deutliche Systemkritik aus, indem sie aufzeigt, wie schnell Menschen in prekären Verhältnissen anonymisiert werden.</p>"}]]},{"width":1,"columns":[[{"type":"text","lan":"","content":"<h3>Die Verantwortungen des Kunstbetriebs</h3><p>Eine Herausforderung in Bezug auf die Ausstellung ist es, ihre Thematik nicht zu ästhetisieren. Kunst kann eine enorme Wirkung erzielen, doch in diesem Kontext ist es wichtig, dass sie die Realität der Armut nicht vereinfacht oder gar romantisiert. Stattdessen werden die Besucher*innen mit den Herausforderungen konfrontiert, die dieses Thema mit sich bringt. Es geht nicht nur um eine visuelle Auseinandersetzung mit Armut, sondern auch um die Frage, wie wir als Gesellschaft mit der Ungleichheit umgehen – und welche Verantwortungen der Kunstbetrieb in diesem Prozess trägt.</p><p>Die Ausstellung im Helmhaus zeigt eindrucksvoll, wie Kunst als Mittel zur Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Missständen dienen kann. Sie ist eine Einladung, über Klassismus und Armut nachzudenken, aber auch eine Mahnung, die bestehenden Strukturen zu hinterfragen und nach Wegen in eine gerechtere und inklusivere Gesellschaft zu suchen. Nehmen Sie Platz – am Kuchendiagramm.</p><p>Text: Cristiana Contu und Daniel Morgenthaler<br>Foto: Zoe Tempest</p>"}]]}],"pages":[]}